AG 3: Evidenz & Leitlinien in der Rehabilitation

Rehabilitation soll Menschen mit Behinderungen zu bestmöglicher Funktionsfähigkeit befähigen. Wir beobachten die Evidenz rehabilitativer Interventionen und kommentieren regelmäßig neu erschienene rehabilitationsmedizinische Cochrane Reviews, um die Translation dieser Befunde in die rehabilitative Versorgung zu unterstützen. Wir sichten zudem regelmäßig für die Rehabilitation relevante neue und aktualisierte Leitlinien.

Aktuelles von Cochrane Rehabilitation

22.03.2022

In der aktuellen Ausgabe des Cochrane Rehabilitation Newsletters werden zwei Übersichtsarbeiten besprochen: zum einen zur Effektivität und Sicherheit von Telerehabilitation bei chronischen Lungenerkrankungen und zum anderen zur Effektivität nicht-pharmakologischer Interventionen nach Schlaganfall zur Reduktion neuropsychologischer Symptome wie dem Neglect.

Cox et al. beschäftigten sich in ihrer Arbeit "Telerehabilitation for chronic respiratory disease" mit der Frage, ob Telerehabilitation bei Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen, wie chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) oder interstitiellen Lungenerkrankungen (ILD), sicher und effektiv eingesetzt werden kann. Chronische Lungenerkrankungen sind relativ weit verbreitet. In Deutschland beträgt die 12-Monats-Prävalenz der bekannten COPD bei Frauen 5,8 % und bei Männern 5,7 %. Häufige Symptome umfassen Dyspnoe, verminderte Funktionsfähigkeit und geringe Lebensqualität. Klassische stationäre Rehabilitationsprogramme sind wirksam, die Inanspruchnahme derartiger Programme allerdings weltweit eher selten. Telerehabilitative Angebote könnten die Behandlungsmöglichkeiten verbessern, wenn sie zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Die Autorinnen und Autoren konnten 15 Studien mit 1904 Patientinnen und Patienten in ihre Übersichtsarbeit einschließen. Die Ergebnisse nach stationärer Rehabilitation und Telerehabilitation waren vergleichbar, die Adhärenz war in der Gruppe mit Telerehabilitation sogar höher. Wurde keine Intervention als Vergleich herangezogen, konnten für die Telerehabilitation leichte Vorteile im 6-Minuten-Gehtest gezeigt werden. Keine der Studien konnte Unterschiede in der Sicherheit feststellen. Die meisten Studien untersuchten Patientinnen und Patienten mit COPD. Dies erschwert die Übertragbarkeit auf andere Erkrankungen. Außerdem sehen die Autorinnen und Autoren die Qualität der Evidenz durch die Heterogenität der Interventionen, kleine Stichproben und kurze Follow-up-Zeiträume beeinträchtigt.

Longley et al. haben in ihrer Übersichtsarbeit "Non-pharmacological interventions for spatial neglect or inattention following stroke and other non-progressive brain injury" geprüft, welche nicht-pharmakologische Interventionen am effektivsten für die Behandlung des Neglects nach einem Schlaganfall sind. Diese Übersichtarbeit ist eine Aktualisierung einer früheren Version. Der Neglect ist ein seltenes neuropsychologisches Symptom des Schlaganfalls, bei dem die Wahrnehmung einer Seite des Körpers eingeschränkt ist bzw. nicht mehr vorhanden ist. Dabei können sowohl akustische, auditive und taktile Wahrnehmungen betroffen sein. Der Neglect hat Auswirkungen auf Aktivitäten des täglichen Lebens, wie Nahrungsaufnahme oder Ankleiden, mindert die Lebensqualität und erhöht die Belastung von Bezugspersonen. Insgesamt wurden von den Autorinnen und Autoren 65 Studien mit 1951 Patientinnen und Patienten eingeschlossen. Untersuchte Zielkriterien waren u. a. Funktionsfähigkeit in Aktivitäten des täglichen Lebens, standardisierte Tests für den Neglect, Stürze, Lebensqualität, psychologische Symptome oder soziale Isolation. Interventionen umfassten u. a. nicht-invasive Hirnstimulation, Akkupunktur, prismatische Linsenanpassung, Training des visuellen Systems oder Übungen zur Verbesserung der Körpergefühls. Keine dieser Interventionen konnte klinisch relevante Unterschiede im Vergleich mit Kontrollinterventionen feststellen. Die Qualität der Evidenz ist durch sehr kleine Stichproben und ein großes Risiko verzerrte Schätzer sehr unsicher. Zudem war die Schwere des Schlaganfalls in vielen Studien nicht klar dargestellt. Aufgrund der eingeschränkten Evidenz kann keine Empfehlung für oder gegen die untersuchten Interventionen ausgesprochen werden.

09.03.2022

Im aktuellen Cochrane Rehabilitation Newsletter werden zwei Übersichtsarbeiten besprochen, die Studien zu bewegungsfördernden Interventionen bei neuromuskulären Erkrankungen und zur Rehabilitation nach operativer Versorgung von Beugesehnenverletzungen an der Hand geprüft haben.

Jones et al. haben sich in ihrer Arbeit "Interventions for promoting physical activity in people with neuromuscular disease" mit der Frage auseinandergesetzt, welche Interventionen die körperliche Aktivität von Menschen mit einer neuromuskulären Erkrankung steigern können. Neuromuskuläre Erkrankungen sind Erkrankungen, die motorische Nervenzellen, Signalübertragung oder die Muskulatur selbst betreffen (z. B. Muskelatrophien oder diabetischer Neuropathie). Die Erkrankungen sind selten. Viele Erkrankungen sind erblich bedingt und die Krankheitsbilder sehr unterschiedlich. Hauptsymptom ist die Muskelschwäche. Die Autorinnen und Autoren identifizierten 13 Studien mit insgesamt 795 Patientinnen und Patienten. Eine Meta-Analyse wurde nicht durchgeführt. Die Interventionen variierten sehr (z. B. Training mit Gewichten oder sensorbasiertes Training). Als Vergleiche wurden keine bzw. alternative Interventionen herangezogen. Die eingeschlossenen Studien fokussierten ausschließlich Erwachsene und die Erfassung der Zielkriterien variierte erheblich. Die Autorinnen und Autoren konnten keine Veränderungen körperlicher Aktivität durch die geprüften Interventionen bestätigen, verweisen aber auch auf das hohe Biasrisiko der eingeschlossenen Studien und die sehr kleinen Stichproben.

Peters et al. haben in ihrer Übersichtsarbeit "Rehabilitation following surgery for flexor tendon injuries of the hand" versucht zu klären, welche Methoden und Verfahren am besten für die Rehabilitation nach operativer Versorgung von Beugesehnenverletzungen geeignet sind. Verletzungen der Handsehnen können durch Schnitte oder Quetschungen oder durch eine abrupte gewaltsame Streckung verursacht werden, die zu einem Abriss der Sehne führt. Beugesehnenverletzungen an der Hand sind mit einer Inzidenz von 33 Verletzungen pro 100.000 Personenjahre relativ häufig. Derartige Verletzungen führen zu Problemen wie Verkrümmung, eingeschränkter Beugung, Steifheit und verminderter Griffkraft sowie einer eingeschränkten Gesamtfunktion. Menschen mit diesen Verletzungen können in ihren Teilhabemöglichkeiten deutlich beeinträchtigt sein. Nach einer operativen Versorgung zielt die Rehabilitation auf die langfristige Wiederherstellung der Fingerfertigkeit und der Handfunktion. Zu den in der Übersichtsarbeit analysierten Zielkriterien gehörten u. a. die selbstberichtete Funktion, der passive und aktive Bewegungsumfang der Finger, Handkraft, die Rückkehr zur Arbeit oder einige weitere Zielkriterien. Die Übersicht konnte 16 randomisierte kontrollierte Studien und eine nicht-randomisierte kontrollierte Studie einschließen. Insgesamt lagen Daten von mehr 1.100 überwiegend erwachsenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor. Die Studien konnten keinen Vorteil bei zusätzlicher früher aktiver Beugung zeigen. Auch für Platzierungs- und Halteübungen in der Orthese konnten keine Vorteile gezeigt werden. Aus Sicht der Autorinnen und Autoren waren die eingeschlossenen Studien allerdings deutlich zu klein, um robuste Evidenz zu generieren, welche Methoden am besten geeignet sind, um die Handbeweglichkeit wiederherzustellen.

Neue Leitlinien

16.03.2022

Aktualisierte S3-Leitlinie zur Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen

Die federführend durch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. erstellte S3-Leitlinie zur Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen wurde aktualisiert. Neu sind u. a. Empfehlungen zur Integration physiotherapeutischer Maßnahmen ins postoperative/posttraumatische Schmerzmanagement. Die aktualisierte Leitlinie finden Sie hier.

09.03.2022

Aktualisierte Empfehlungen zur stationären Therapie von Patientinnen und Patienten mit COVID-19

Die S3-Leitlinie "Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19 - Living Guideline" wurde aktualisiert und ist im Leitlinienportal der AWMF verfügbar. In Kapitel 9 sind Empfehlungen zur Rehabilitation zusammengefasst. Mittlerweile liegen drei Studien vor, die für die betroffenen Patientinnen und Patienten eine deutliche Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit, der Lungenfunktion und der Lebensqualität nach einer dreiwöchigen stationären Rehabilitation zeigen.

22.02.2022 

Neue S3-Leitlinie 018-035OL "Diagnostik, Therapie und Nachsorge für Patienten mit monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) oder Multiplem Myelom" ist online

Die neue S3-Leitlinie wurde federführend von der Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V. (DGHO) erstellt. Das Multiple Myelom gehört zu den häufigsten Tumoren von Knochen und Knochenmark und tritt in Deutschland mit einer Inzidenz von 8/100.000 auf. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei über 70 Jahren. Typischerweise treten bei einem Multiplen Myelom mehrere Tumorherde im Knochenmark auf. Das Multiple Myelom ist eine bösartige Erkrankung, die bei den meisten Patientinnen und Patienten zum Tode führt. Der Krankheitsverlauf ist jedoch heterogen und schwer vorherzusagen, oft können längere Remissionen erreicht werden. Die Leitlinie fasst auf über 150 Seiten die aktuelle Evidenz zum Multiplen Myelom zusammen und leitet daraus Standards für Diagnostik und Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Multiplem Myelom ab. Zur Rehabilitation wurden sieben - überwiegend im Expertenkonsens beschlossene - Empfehlungen formuliert. Die Leitlinie ist seit dem 18.02.2022 im Leitlinienportal der AWMF verfügbar und kann hier abgerufen werden.